Weiditz, Christoph (um 1500-1559), Kleopatra mit der Schlange, um 1540/50 (Pl.O. 2806)

Weiditz, Christoph (um 1500-1559), Kleopatra mit der Schlange, um 1540/50 (Pl.O. 2806)
Inv.Nr.
Pl.O. 2806
Zugangsregisternr.
ZR 1941/84
Material
Elfenbein
Maße
Höhe 16,5 cm
Breite 9,7 cm
Tiefe 4,5 cm
Sammlung
Skulptur bis 1800
Objektuntersuchung
auf der Unterseite blau umrandeter Papieraufkleber mit Beschriftung in schwarzer Tinte „IIIa 68.“
DatumProvenienz
spätestens 28.09.1941Knapp (Ferdinand Knapp Antiquitäten), Berlin, erworben von Unbekannte(r) Vorbesitzer [1]
17.10.1941Germanisches Nationalmuseum, erworben durch Kauf von Knapp (Ferdinand Knapp Antiquitäten)[2]
Die Provenienz für den Zeitraum 1933 bis 1945 konnte nicht eindeutig geklärt werden.

Die Elfenbeinstatuette der Kleopatra wurde am 17. Oktober 1941 beim Berliner Kunsthändler Ferdinand Knapp für 900 RM erworben, zusammen mit dem Bronzemörser HG 9480, dem Glaskrug HG 9481 aus der Sammlung Dosquet, den beiden Plastiken der Sammlung Emma Budge Pl.O. 2804 und Pl.O. 2805, der Buchsbaumgruppe Pl.O. 2807 sowie einem Irdenkrug (BA 1683). In einem Schreiben vom 28. September 1941 an Heinrich Kohlhaußen erwähnt Knapp eine Rechnung „über persönlich getätigte Einkäufe“.[3] Möglicherweise hatte der Museumsdirektor das Konvolut also selbst bei Knapp in Berlin erworben.

Die Elfenbeinstatuette der Kleopatra ist höchstwahrscheinlich identisch mit einer im Januar 1940 bei Hans W. Lange, Berlin (dem „Ariseur“ der Kunsthandlung Paul Graupe), versteigerten Figur, die dort unter Losnr. 328 als Paar mit einer Büßenden Magdalena aus Elfenbein zum Schätzpreis von 120 RM verauktioniert wurde.[4]

Die Angaben im Auktionskatalog lauten: „Büßende Magdalena, Elfenbein geschnitzt. Niederlande, Ende 17. Jahrh. H. 18 cm. Dabei: Kleopatra mit Schlange. Niederlande, 17. Jahrh. H. 16,5 cm, Br. 9,7 cm.“ Die hier angegebenen Maße stimmen mit denen der Figur des Germanischen Nationalmuseums überein. Das Kunstpreisverzeichnis führt Losnr. 328 nicht an, da Skulpturen nicht erfasst sind.[5] Auch im Preisbericht der Weltkunst, der nur Preise über 500 RM auflistet, erscheint Nr. 328 nicht.[6] Auffällig ist die hohe Preisdifferenz zwischen den als Schätzpreis angegebenen 120 RM (für Kleopatra und Magdalena) und dem Ankaufspreis des Museums von 900 RM. Ob die Skulptur auf der Auktion versteigert wurde beziehungsweise wer die Skulptur auf der Auktion erwarb, ist nicht bekannt.[7]

Die Beschriftung auf der Unterseite (blau umrandeter Papieraufkleber mit Beschriftung in schwarzer Tinte „IIIa 68.“) konnte nicht zugeordnet werden. Auf einem Gemälde in Bundesbesitz mit gleicher Provenienz findet sich kein vergleichbarer Aufkleber.[8]

Wie dem Einliefererverzeichnis im Auktionskatalog zu entnehmen ist (Einlieferer „H.L., Leipzig“) stammt Los-Nr. 328 aus der Sammlung des Unternehmers Adolph List (1861–1938), die nach seinem Tod in zwei Auktionen von seiner Witwe Clara Helene List (1868–1956) versteigert wurde. Die erste Versteigerung fand vom 28. bis 30. März 1939 ebenfalls bei Hans W. Lange statt.[9] Aus dieser Auktion erwarb das Germanische Nationalmuseum die Wagenuhr WI 1847.

Adolph List war aufgrund seiner jüdischen Abstammung in der NS-Zeit antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, in deren Folge er unter dem Druck der Betriebsleitung 1937 aus dem Aufsichtsrat der von ihm Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Saccharinfabrik Fahlberg, List & Co. KG zurücktrat.[10]

Mehrere Museen – das Bayerische Nationalmuseum München, das Focke Museum – Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte und die Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf – sind in vergleichbaren Fällen zu dem Ergebnis gekommen, dass „keine Ansprüche auf Herausgabe oder Zahlung“ bestehen. So gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass Clara Helene List über die Verkaufserlöse nicht hätte frei verfügen können, ebenso hätten keine Umstände festgestellt werden können, „die mit einer NS-Verfolgung von Clara Helene List und ihrer Familie nach dem Ausscheiden Adolph Lists aus dem Aufsichtsrat der Fahlberg-List AG im Jahr 1937 in Folge einer gegen ihn gerichteten antisemitischen Kampagne in Zusammenhang stehen, und die Clara Helene List dazu gezwungen hätten, die Sammlung zu veräußern.“[11]



[1] HA GNM, GNM-Akten K 133, Erwerbungen 1940/41, Knapp an Kohlhaußen, GNM, 28.9.1941 (Nr. 2863).

[2] Registrar GNM, Zugangsregister, Inventarbuch, Inventarkarte zu Pl.O. 2806 (Kaufpreis 900 RM). – HA GNM, GNM-Akten K 133, Ankaufsakten 1940/41, Schriftwechsel Knapp mit Kohlhaußen, GNM, 28.9.1941 (Nr. 2863), 6.10.1941 (Nr. 2863, rückseitig), 17.10.1941 (Nr. 2993), 21.10.1941 (Nr. 3029); GNM-Akten K 3411, Hauptmuseumsfonds Ausgabebelege 1941, Beleg Nr. 212/78, Frachtbrief, 8.10.1941, Beleg Nr. 214/80, Rechnung Knapp, 28.9.1941, Quittung Knapp, 24.10.1941. Dem Brief vom 28.9.1941 liegen Fotografien weiterer Angebot Knapps bei, die das GNM jedoch nicht erwarb.

[3] HA GNM, GNM-Akten K 133, Erwerbungen 1940/41, Knapp an Kohlhaußen, GNM, 28.9.1941.

[4] Sammlung List, Magdeburg, II. Teil, Chinasammlung Prof. Wegener, Berlin, verschiedener Kunstbesitz: Gemälde alter und neuerer Meister, Möbel, Silber, Porzellan […]. Aukt.Kat. Hans W. Lange, Berlin, 25.–27. Januar 1940, URL: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lange1940_01_25 [30.6.2015] (Schätzpreis 120 RM). – Die Skulptur konnte nicht nachgewiesen werden in Otto Pelka: Elfenbein. Berlin 1920.

[5] S. Kunstpreisverzeichnis, Bd. 1: Auktionsergebnisse vom 1.7.1939–30.6.1940. Berlin 1941, S. 63–66 für die Auktion bei Lange.

[6] Preisbericht zur Auktion Hans W. Lange, 25.–27.1.1940, Weltkunst XIV, Nr. 5/6, 4.2.1940, S. 2, https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/weltkunst1940/0002 [30.6.2015].

[7] Zur Auktion ließ sich kein Auktionsbericht im Bestand der Auktionsniederschriften (A Rep. 243-04) des Landesarchivs Berlin nachweisen, freundliche Auskunft Lydia Kiesling, LAB, Email vom 10.6.2015.

[8] Freundliche Auskunft Angelika Enderlein, BADV, Berlin, Email vom 7.7.2015 und Gerhard Leistner, Ostdeutsche Galerie Regensburg, Email vom 13.7.2015. – S. dazu auch Dossier BADV von 2008 zu Eduard von Grützner, Im Klosteratelier, https://www.bva.bund.de/SharedDocs/Provenienzen/DE/8000_8999/8999.html [30.8.2018].

[9] Die Sammlung List, Magdeburg: europäisches Kunstgewerbe des 13. bis 18. Jahrhunderts. Aukt.Kat. Hans W. Lange, Berlin, 28.–30. März 1939, URL: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lange1939_03_28 [30.6.2015].

[10] S. zu Adolf List und der Versteigerung seiner Sammlung https://www.kulturgutverluste.de/Content/03_Forschungsfoerderung/Projekt/Focke-Museum-Landesmuseum-fuer-Kunst-und-Kulturgeschichte-Bremen/Projekt1.html [30.08.2018]. Für freundliche Auskünfte zur Versteigerung der Sammlung List danke ich Sven Pabstmann, Halle, Email vom 12.1.2016.

[11] Alfred Grimm (Hrsg.): Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern, Tätigkeitsbericht 2015/2016, S. 46, URL: https://provenienzforschungsverbund-bayern.de/de/home [30.08.2018]. – Der Abschlussbericht des Projekts am Focke-Museum (Sven Pabstmann) liegt dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste vor und konnte von der Verf.in eingesehen werden.

Bearbeitung
AE