Nürnberg, Grabinschrift des Hans Punickein, um 1475 (Gd 352)

Nürnberg, Grabinschrift des Hans Punickein, um 1475 (Gd 352)
Inv.Nr.
Gd 352
Zugangsregisternr.
ZR 1938/24
Alternativer Titel
Grabplatte des Hans Punickein
Material
Bronze, gegossen
Maße
Höhe 16,5 cm
Breite 41 cm
Sammlung
Skulptur bis 1800
Objektuntersuchung
rückseitige Beschriftung in weißer Kreide „1474“
DatumProvenienz
spätestens 16.01.1937Georg Schuster, München, erworben von Unbekannte(r) Vorbesitzer [1]
17./18.03.1938Alte Deutsche Kunst GmbH, erworben auf der Auktion Böhler (Kunsthandlung Julius Böhler), München, Los-Nr. 423, Versteigerung der Sammlung Georg Schuster[2]
25.03.1938Germanisches Nationalmuseum, erworben durch Kauf von Alte Deutsche Kunst GmbH[3]
Die Provenienz für den Zeitraum 1933 bis 1945 konnte nicht eindeutig geklärt werden.

Um wen es sich bei dem auf der Grabplatte inschriftlich genannten „Hans Punickein“ handelt, ist nicht bekannt. Möglicherweise könnte es sich um Hans Bönnigheim zu Gunzenhausen handeln, für den die Schreibweise des Namens als "Bunnickein" nachweisbar ist.[4] Laut Eintrag im Inventarbuch wurde die Platte offenbar gewaltsam vom Grabstein gerissen.[5]

Zu einem unbekannten Zeitpunkt kam die Tafel in die Sammlung des Münchner Restaurators, Bildhauers und Sammlers Georg Schuster.[6] Die Sammlung wurde nach Schusters Tod bei Julius Böhler in München versteigert, darunter die Grabplatte als Los-Nr. 423. Laut Liste im Katalog lag der Schätzpreis bei 50 RM.

Wie die Weltkunst berichtete, war der damalige Direktor des Germanischen Nationalmuseums Heinrich Kohlhaußen selbst bei der Auktion anwesend. Er verließ sie jedoch vorzeitig und übertrug daher der „Alten deutschen Kunst, Bremen“ (nicht Braunau, wie auf der Karteikarte vermerkt) den Erwerb des Epitaphs im Auftrag des Germanischen Nationalmuseums. Der Preisbericht der Weltkunst nennt für Los-Nr. 423 als Zuschlagspreis 190 RM.[7] Zuzüglich dem Aufgeld von 15 Prozent ergibt sich der im Zugangsbuch eingetragene Betrag von 218,50 RM. In den Geschäftsbüchern der „Alten deutschen Kunst“ ist der Betrag in einen Ankaufspreis von 212,80 RM und eine Provision von 5,70 RM gesplittet.[8] Laut Schreiben im Historischen Archiv wurde die Tafel im Auftrag der „Alten deutschen Kunst“ etwa eine Woche nach der Auktion direkt von Böhler an das Germanische Nationalmuseum geschickt.[9]

Hintergrund des Auftrags an die „Alte deutsche Kunst“ war, dass Kohlhaußen kurz vor Beginn der Auktion von dem ebenfalls angereisten Direktor der „Alten deutschen Kunst“, Rechtsanwalt Johannes Jantzen, angesprochen und auf ein Objekt aufmerksam gemacht worden war, dass sich zu diesem Zeitpunkt im Besitz von Adama van Scheltema in Gauting in der Nähe von München befand. Man beschloss kurzerhand, dorthin zu fahren. Ein weiterer anwesender Mitarbeiter der Alten deutschen Kunst, Dr. Martens, erhielt daher von Kohlhaußen den Auftrag, das Punickein-Epitaph zu ersteigern. Die kurzfristige Entscheidung Kohlhaußens sollte weitreichende Folgen haben – bei dem Objekt im Besitz von Scheltema handelte es sich um die sogenannte „Adlerfibel“, die sich später als vermutliche Fälschung entpuppte und um deren Erwerb beziehungsweise Rückgabe das Museum langwierige Prozesse führte.[10]

 

Siehe dazu auch:

Timo Saalmann: Langjährige Kontakte. Die Münchener Kunsthandlung Julius Böhler. In: Gekauft – Getauscht – Geraubt? Erwerbungen zwischen 1933 und 1945. Bearb. von Anne-Cathrin Schreck, Anja Ebert, Timo Saalmann. Ausst.Kat. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Nürnberg 2017, S. 32–35, 200, Kat.Nr. 1.2, URL: http://books.ub.uni-heidelberg.de/arthistoricum/catalog/book/392.

 
 


[1] Die Grabplatte ist nicht erwähnt im Katalog der Sammlung Schuster, Hubert Wilm: Die Sammlung Georg Schuster. München 1937. – Georg Schuster verstarb am 16.1.1937 in München.

[2] Sammlung Georg Schuster, München. Freiwillige Versteigerung der alten Skulpturen, Gemälde und des Kunstgewerbes. Bearb. von Hubert Wilm, Hans Buchheit. Aukt.Kat. Julius Böhler, München, 17.–18. März 1938, URL: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/boehler1938_03_17 [07.07.2017], Los-Nr. 423. – Zur Versteigerung Schuster s. auch den Teilnachlass der Kunsthandlung Böhler im DKA, der jedoch keine Informationen zu einzelnen Objekten liefert, DKA, NL Julius Böhler, bes. I, B-5, S. 4, 5, 9; I, B-6, S. 64. – Zum Erwerb durch die Alte deutsche Kunst s. Bremen, Böttcherstrasse GmbH, Archiv, Rescontrobuch der Alten deutschen Kunst 2, S. 82 („Epitaph“). Laut freundlicher Mitteilung von Christel Rademacker, Bremen, Böttcherstrasse GmbH, Archiv, taucht die Tafel im „Hauptbuch“ der „Alten deutschen Kunst“ nicht auf, was vermutlich daran liegt, dass die Tafel im Auftrag des GNM erworben wurde, Email vom 31.3.2015.

[3] Registrar GNM, Zugangsregister, Inventarbuch, Inventarkarte zu Gd 352 (Kaufpreis 218,50 RM). – HA GNM, GNM-Akten K 131, Ankaufsakten 1937–1939, Böhler an GNM, 28.3.1938 (Nr. 1628); GNM-Akten K 3182, Hauptmuseumsfonds Ausgabebelege 1937, Beleg Nr. 410/76, Alte deutsche Kunst an Kohlhaußen, GNM, 25.3.1938, Quittung Alte deutsche Kunst, 11.4.1938.

[4] Vgl. StA Ludwigsburg, B 423 U 725, Ellwangen, Regierung: Lehensachen II, Lehenrevers des Hans Bönnigheim (Bunnickein) zu Gunzenhausen, 1454. Siehe auch im selben Bestand (B 423): U 723, Lehenrevers des Hans Bönnigheim (Buennikein), 1432. Hans war der Sohn Siegfrieds, für den sich auch die Schreibweise "Pun(n)ikein" nachweisen lässt, ebd., U 718, Lehenrevers Siegfried Bönnigheim (Punikein) von Gunzenhausen, 1418; U 722, Lehenrevers Siegfried Bönnigheim (Punnikein) von Gunzenhausen, 1429.

[5] In den entsprechenden Kunstdenkmälerbänden ließ sich unter Gunzenhausen bzw. Bönnigheim kein Hinweis auf das Epitaph oder eine Familie Punickein/Bönnigheim finden: Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Bd. 3: Süddeutschland, 1. Aufl. 1908, 3. Aufl. 1925. Berlin 1908/1925; Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler von Bayern. Bd. 5,6: Die Kunstdenkmäler von Mittelfranken, Bezirksamt Gunzenhausen. Bearb. von Karl Gröber und Felix Mader. München 1937; Eduard von Paulus, Eugen Gradmann (Hrsg.): Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Neckarkreis. Bearb. von Eduard von Paulus. Stuttgart 1889.

[6] Zu Schuster s. StadtAM, Meldebogen Georg Schuster. – Hubert Wilm: Lebensbild eines Sammlers. In: Sammlung Georg Schuster, München. Freiwillige Versteigerung der alten Skulpturen, Gemälde und des Kunstgewerbes. Bearb. von Hubert Wilm, Hans Buchheit. Aukt.Kat. Julius Böhler, München, 17.–18. März 1938, URL: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/boehler1938_03_17 [07.07.2017], S. XIX–VI. – Hubert Wilm: Die Sammlung Georg Schuster. München 1937. – S. außerdem zu Schuster und zur Versteigerung seiner Sammlung Eindeutig bis zweifelhaft. Skulpturen und ihre Geschichten. Hrsg. von Eva Mongi-Vollmer, Iris Schmeisser, Anna Heckötter. Ausst.Kat. Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt a.M. Frankfurt a.M. 2017, S. 33–35 (Anna Heckötter).

[7] Weltkunst XII, Nr. 13, 27.3.1938, S. 4.

[8] Bremen, Böttcherstrasse GmbH, Archiv, Rescontrobuch der Alten deutschen Kunst 2, S. 82 („Epitaph“), freundliche Mitteilung von Christel Rademacker, Bremen, Böttcherstrasse GmbH, Archiv, Email vom 31.3.2015.

[9] HA GNM, GNM-Akten K 131, Ankaufsakten 1937–1939, Böhler an GNM, 28.3.1938 (Nr. 1628).

[10] S. dazu und zum Vorhergehenden HA GNM, GNM-Akten K 58, Adlerfibelprozess. – Luitgard Sofie Löw: Die gefälschte Adlerfibel. In: Luitgard Sofie Löw, Matthias Nuding (Hrsg.): Zwischen Kulturgeschichte und Politik. Das Germanische Nationalmuseum in der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus. Beiträge des Symposiums am 8. und 9.10.2010 im Germanischen Nationalmuseum. (Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 38). Nürnberg 2014, S. 113–125.

Bearbeitung
AE (Text und Recherche)
TS (Recherche)